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Das absolute Gehör – eine besondere Gabe

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Junge Frau spielt Cello
luismolinero / Adobe Stock

Menschen mit absolutem Gehör haben die Fähigkeit, einen einzeln gespielten Ton beim Hören exakt zu bestimmen, ohne einen Referenzton zu kennen. Doch ist das absolute Gehör eine Voraussetzung für musikalische Begabung?

Ein absolutes Gehör ist eine außergewöhnliche musikalische Gabe. Schätzungen zufolge verfügt in der westlichen Welt weniger als einer von 10.000 Menschen darüber, also nicht einmal 0,01 Prozent. Unterschiede zwischen den Geschlechtern existieren nicht. Personen mit absolutem Gehör können eine bestimmte Note auf Anhieb singen oder einen bestimmten Ton auf einem Klavier spontan benennen, ohne dass andere Noten mitgespielt worden sind.

Musikkarriere mit und ohne absolutes Gehör

Musikbegeisterte, die nicht über eine solche Fähigkeit verfügen, müssen jedoch nicht enttäuscht sein, denn es bedarf keines absoluten Gehörs, um musikalisch begabt zu sein. Zwar wird klassischen Komponisten wie Mozart, Bach und Beethoven ebenso ein absolutes Gehör zugeschrieben wie Jimi Hendrix oder Billie Eilish. Doch andere Komponisten wie Wagner und Schumann sollen nicht darüber verfügt haben und waren trotzdem sehr erfolgreich.

In der Regel reicht ein relatives Gehör für eine musikalische Karriere aus. Auch hierbei handelt es sich um eine besondere Gabe, die aber nicht so weitreichend ist wie das absolute Gehör. Menschen mit einem relativen Gehör können den Abstand einer Note zu einer anderen erkennen, allerdings ohne die genaue Tonhöhe bestimmen zu können. Sie können exakte Noten nur dann identifizieren, wenn ein Referenzton vorgegeben ist, zu dem sie andere Noten in Bezug setzen können. Schließlich fällt es bei einer Notenfolge leichter, einzelne Töne anzugeben.

Genetik oder Prägung ausschlaggebend?

Forschende sind sich bis heute nicht einig, ob ein absolutes Gehör angeboren oder erworben ist. Oft ist es schwierig, Studien in diesem Forschungsfeld durchzuführen, da man nicht genügend Teilnehmer mit absolutem Gehör findet, um zu verlässlichen Ergebnissen zu kommen.

Interessanterweise verfügen im asiatischen und afrikanischen Raum deutlich mehr Menschen über das absolute Gehör als in Europa oder Nordamerika. Grund dafür ist, dass in vielen Ländern tonale Sprachen gesprochen werden, beispielsweise Thai, Mandarin, Vietnamesisch, Bantu oder Swahili. Bei tonalen Sprachen haben identische Wörter unterschiedliche Bedeutungen, wenn sie in einer anderen Tonhöhe gesprochen werden. Kleine Kinder lernen deshalb von Anfang an, beim Sprechen auf die Tonhöhe zu achten.

Erwachsene können kein absolutes Gehör mehr entwickeln

Manche Wissenschaftler machen die frühkindliche Prägung für die Entwicklung eines absoluten Gehörs verantwortlich, andere die genetische Veranlagung. Verfechter beider Theorien sind sich jedoch einig, dass Erwachsene kein absolutes Gehör mehr erlernen können.

Die eine Gruppe nimmt an, dass es für dessen Erwerb ein kritisches Zeitfenster gibt, in dem Kinder es durch Training erlangen können. Demnach spielt die frühzeitige musikalische Förderung eine Rolle, da sich die Nervenzellen im Gehirn vor dem siebten Lebensjahr am besten miteinander vernetzen. Andere Forscher gehen davon aus, dass bestimmte genetische Voraussetzungen vorhanden sein müssen, um ein absolutes Gehör zu entwickeln. Eine weitere Theorie besagt, dass praktisch alle Babys mit einem absoluten Gehör geboren werden, es aber innerhalb der ersten Lebensjahre wieder verlernen. Grund ist demzufolge unsere nicht-tonale Sprache, in der die gleichen Inhalte in unterschiedlichen Tonhöhen (Männer/Frauen) geäußert werden, ohne dass sich dadurch ihre Bedeutung ändert.

Schräge Töne unerträglich

Übrigens: Das absolute Gehör hat nicht nur Vorteile, denn es geht mit einer erhöhten Sensibilität für akustische Reize einher. Viele Menschen mit absolutem Gehör reagieren empfindlich auf unsaubere Töne und verstimmte Instrumente. Absoluthörer unter professionellen Musikern und Musikerinnen müssen zudem ständig umdenken, wenn Noten höher oder tiefer klingen als sie geschrieben sind. Dies kann zu Stress führen und schlimmstenfalls die Fähigkeit zum Zusammenspiel beeinträchtigen.